Gute Vorbilder
geschrieben am 18.05.2010 von shark
(Bewertung: 6/10)
zur Veröffentlichung Appeal to Reason
von Rise Against
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Rise Against müssen für die Marketingexperten in den Chefsesseln der großen Plattenlabels ein echtes Problem darstellen. Da ist eine Band mit waschechter Punk-Vergangenheit, die nach zwei Veröffentlichungen auf Independent-Labels zu einem großen Label wechselte und, ohne sich groß zu verbiegen oder den Gesetzen des Mainstreams zu beugen, plötzlich massive Erfolge feierte. Da werden die Herren in den Anzügen, die schon so manchem Popsternchen ein Image auf den Leib geschneidert haben, plötzlich überflüssig. Denn jede Werbekampagne beißt sich an einer Band die Zähne aus, die so klare Standpunkte vertritt wie Rise Against. Damit verstoßen die Mannen um Sänger Tim McIlrath zwar gegen das ungeschriebene Gesetz der Musikindustrie, ja keine Meinung zu haben, um keine potenzielle Kunden zu verärgern. Aber, siehe da: der Masse gefällt's. Rise Against landeten 2006 mit
The Sufferer and the Witness in den Top Ten der US-Charts, und der zwei Jahre später veröffentlichte Nachfolger
Appeal to Reason schaffte es gar auf Platz 3.
Doch geht ein derartiger Mainstream-Erfolg wirklich spurlos an einer Band vorüber? Denn mit Kollegen wie Green Day, die den Erfolg wollten und schon in ihrer wilden Jugend eine poppige Variante des Punk spielten, darf man Rise Against nicht in einen Topf werfen. Die Jungs aus Chicago kommen statt dessen aus der Hardcore-Ecke und eiferten in ihren Anfangstagen Idolen wie Black Flag nach. Zwar wusste McIlrath schon immer, wie man eine schöne Melodie singt, doch zumindest auf den ersten Alben war der Anteil der gebrüllten Passagen noch deutlich höher. Und gerade beim Vergleich mit Frühwerken wie
The Unraveling und
Revolutions per Minute wird deutlich, dass sich auch Rise Against im Laufe der Jahre ein wenig dem Mainstream angenähert haben. Auf "Appeal to Reason" stehen die Melodien stärker im Fokus als je zuvor, und das Tempo wird immer häufiger gedrosselt. Das führt zu perfekt durcharrangierten, kraftvollen Protest-Hymnen wie der Single "Re-Education (Through Labor)" oder "From Heads Unworthy", zu denen die Kids auf den Konzerten selig mitgrölen können.
Natürlich haben Rise Against den Biss nicht komplett verloren. Vielmehr gelingt einem Song wie dem knüppelharten und schnellen Opener "Collapse" die ideale Verschmelzung von Energie und Melodie. In solchen Momenten kann man den Status der Band problemlos anerkennen. Und man freut sich, dass endlich mal wieder eine derart engagierte Gruppe mit einer echten Aussage Erfolg bei der Masse hat und die Kinder nicht nur noch austauschbaren Plastikpop von gecasteten Hupfdohlen hören.
Leider können die Amerikaner auf "Appeal to Reason" das Niveau der ersten Lieder nicht halten. In der zweiten Hälfte nutzt sich die Wirkung der Lieder rapide ab. Da Rise Against nun vermehrt im Midtempo verharren, fehlt ein wenig die Abwechslung bei der Dynamik. Auch McIlraths Gesangsperformance weist nicht viel Variation auf, und viele Melodien klingen sich ähnlich. Zwar kommt kurz vor Schluss mit "Savior" noch ein echter Kracher, der nicht umsonst ebenfalls als Single ausgekoppelt wurde. Aber richtig Spaß macht das Anhören nicht mehr. Dabei wären die Lieder für sich allein genommen alles andere als schlecht. Sie ähneln sich nur leider ziemlich stark.
"Appeal to Reason" ist also beileibe kein schlechtes Album. Es zieht jedoch gegenüber früheren Scheiben wie "Revolutions per Minute" und "Siren Songs of the Counter Culture" klar den Kürzeren, was die Performance und Virtuosität angeht. Das ist schade. Trotzdem ist es besser, dass die Jugend so etwas hört, als dass sie Nickelback hört. Wenn schon Mainstream, dann wenigstens guten.
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