Muse - eine persönliche Geschichte
geschrieben am 21.11.2009 von shark
(Bewertung: 6/10)
zum Konzert des Künstlers Muse
am 20.11.2009 in München, Deutschland (Olympiahalle)
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Muse in der Olympiahalle. Ein Bericht über dieses Konzert aus meiner Feder kann nicht ohne eine persönliche Note auskommen. Denn es ist acht Jahre her, da veränderte die damals noch junge Band aus England meine Vorstellungen davon, was mit Rockmusik möglich ist. Im kleinen Colosseum in München standen die drei unscheinbaren Engländer etwas verloren auf der Bühne, aber spielten einen derart virtuosen, emotional aufwühlenden Mix aus Alternativerock und Progressive-Rock, dass einem der Atem stocken musste. Matthew Bellamy hieß der Wunderknabe, der mit seiner Bühnenpräsenz, seinem markerschütternd emotionalen Falsett-Organ und seinem schieren musikalischen Können an Gitarre und Klavier mein bis dato von seichtem Nu-Metal und Crossover geprägtes musikalisches Weltbild in seinen Grundfesten erschütterte. Dass das Album, zu dem Muse damals tourten, "Origin of Symmetry", ein Monument von einem Tonträger war und immer noch ist, steigerte meine Verehrung dann ins unermessliche.
Die folgenden Jahre blieben Muse ein Fixpunkt in meinem Musikkosmos. 2003 erschien der Nachfolger zu "Origin of Symmetry" namens "Absolution", ein Album, dem zwar ein wenig die überdrehte Genialität des Vorgängers abging, das aber dennoch ein weiterer Meilenstein war und mich über Jahre hinweg begeisterte. Leider war es mir in dieser Zeit nicht möglich, ein Konzert der immer bekannter werdenden Engländer zu besuchen. Das schaffte ich erst wieder im Juni 2006, als Muse beim Southside Festival zu ihrem mittlerweile vierten Album "Black Holes and Revelations" auftraten, das damals gerade erschienen war. Schon zu jener Zeit war abzusehen, dass die Band auf der Schwelle zum Rockstartum stand, und entsprechend veränderte sich auch die Musik. Immer noch emotional, immer noch stellenweise von Genie geprägt, aber doch schon etwas hin zum Mainstream orientiert zeigte sich der inzwischen mit leichten elektrionischen Sprenklern versehene Bandsound. Trotz allem war ich vom Southside-Konzert ebenso begeistert wie von meinem dritten Muse-Erlebnis im Dezember 2006 im Münchener Zenith, bei dem das Trio schon vor einigen tausend Leuten auftrat.
Natürlich verfolgte ich die Entwicklung meiner einstigen Lieblinge immer noch aufmerksam weiter - und es schien keine Grenzen mehr zu geben: Im Juni 2007 traten Muse als erste Band im neu erbauten Wembley Stadion in England auf - vor 70 000 Leuten. Es war klar, dass Muse inzwischen im Rockolymp angekommen waren. Und so überraschte es auch nicht, dass die Konzerte auf der Tour zum aktuellen, fünften Album "The Resistance" mittlerweile in Locations stattfinden, die dem Bekanntheitsgrad und dem Charterfolg der Band angemessen sind. Mein viertes Muse-Konzert fand also in der Olympiahalle statt. Um ganz ehrlich zu sein: wenn ich die Karte nicht zum Geburtstag geschenkt bekommen hätte, ich hätte mir wohl keine gekauft. Die Tickets kosten mittlerweile zwischen 35 und über 50 Euro, und so viel Geld will ich angesichts der meiner Ansicht nach negativen Entwicklung der Band eigentlich nicht ausgeben. Denn auf "The Resistance" näherten sich Muse leider noch mehr dem musikalischen Mainstream an und gaben noch mehr von dem auf, was mich anno 2001 in ihrem Bannkreis zog: das ausufernde, das virtuose, das schlicht und ergreifend grandiose wird immer mehr zurückgedrängt - statt dessen grenzen die Engländer ihre Songs immer ein, machen sie radiokompatibler, und zudem verlagert Matt Bellamy seiner früher ergreifend emotionalen Texte immer mehr ins banale oder ins politische, was zu einer Band wie Muse einfach nicht passt.
Aber wie heißt es so schön: einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Also trotzdem hin in die Olympiahalle, die übrigens mit weit über 10 000 Besuchern prall gefüllt war. Als Vorband begannen pünktlich um halb acht die Schotten Biffy Clyro, die mir nur vom Namen her ein Begriff waren. Ihr teils sehr rockiger Indie-Alternative-Stil war beileibe nicht schlecht, und als Vorband hätte man sich durchaus schlechtere Bands aussuchen könnten. Ich werde mich mit dem sympathisch wirkenden Trio demnächst wohl mal eingehender beschäftigen. Doch als Vorband einer mittlerweile derart beliebten und vom Publikum fast schon hysterisch herbeigesehnten Band wie Muse hatten Biffy Clyro natürlich keine Chance, im großen Stil zu punkten. Nach einer längeren Umbaupause war es dann soweit. Auf drei gigantischen Bühnenelementen positioniert, die in einigen Metern Höhe aus dem Boden ragten und während des Konzerts öfters hoch- und runtergefahren wurden, eröffneten Muse mit "Uprising", der Single vom aktuellen Album, die Show. Der zwar simpel gestrickte, aber doch tanzbare Elektro-Rocksong ist noch einer der Songs auf "The Resistance", die mir am besten gefallen, und er kam auch beim frenetisch brüllenden Publikum gut an. Mit dem Titellied des neuen Albums ging es gleich weiter in die etwas rockigere Schiene. Die Band zeigte sich energiegeladen und spielfreudig - vor allem Schlagzeuger Dom Howard, der angesichts der Fokussierung auf Matt Bellamy oft untergeht, der aber ein wahrer Könner an seinem Instrument ist.
Der Anfang war gelungen, aber so richtig ging mein Herz erst beim dritten Lied auf: "New Born", der immer noch überragende Eröffnungssong von "Origin of Symmetry" wurde angeschlagen. Das über sechs Minuten lange Epos ist einfach unkaputtbar und war auch gestern grandios - trotzdem fiel mir sofort auf, dass nicht wie früher Matt Bellamy das Klavierintro spielte, sondern dass das fast unsichtbare vierte Bandmitglied, also ein Tourmusiker das übernahm. Nachdem Muse also erstmals richtig die Rocksau rausgelassen hatten, folgten die Hits Schlag auf Schlag. "Supermassive Black Hole" vom vorigen Album, der erste richtig große Charthit der Band, wurde natürlich enthusiastisch gefeiert, kurz danach kam das wunderbare "Hysteria" vom "Absolution"-Album, einer meiner persönlichen Lieblingssongs. Matt Bellamys Gitarrensolo ist einfach einer der tollsten Instrumentalparts, die Muse je auf Tonträger gebannt haben. Direkt auf dem Fuße folgte "United States of Eurasia", dieser völlig überdrehte und fast schon unfreiwillig komische Queen-Tributsong vom aktuellen Album. Wie weiland Freddie Mercury saß Matt Bellamy da am Klavier und philosophierte über eine bessere Welt, in der Europa und Asien eins werden. Vielleicht versteht man beim Lesen dieser Zeilen, wieso ich mit der aktuellen Entwicklung von Muse nicht mehr einverstanden bin. Dennoch, wenn man den Song nicht allzu ernst nimmt, ist er eigentlich wirklich sehr gut. A propos gut: direkt danach folgte mit dem herrlich bluesigen "Feeling Good" ein weiterer Klassiker, den ich schon bei meinem ersten Muse-Konzert damals hören durfte. Generell spielte die Band dankenswerterweise viele alte Songs, wenn auch keinen einzigen vom Debütalbum "Showbiz", was sehr schade ist. Aber scheinbar meinen Muse wohl, über "Muscle Museum" und "Unintended" hinaus zu sein, dabei zeichnet auch diese Songs genau das aus, was die Band einstmals so faszinierend machte.
Jedenfalls war es beim gestrigen Konzert auch positiv zu werten, dass bis auf das meiner Meinung nach unsägliche "Undisclosed Desires" kein einziger der schlechten Songs von "The Resistance" gespielt wurde. Muse verschonten uns also mit dem schwülstigen "Guiding Light" oder dem unerträglich kitschigen "I Belong to You". Dafür kam, bevor das wirklich gute und zackige "Unnatural Selection" den normalen Teil des Sets abschloß, noch der ein oder andere Klassiker dran. "Plug In Baby" und "Time Is Running Out" wurden auch von der Zuschauermenge frenetisch gefeiert und mitgesungen, was schön zu sehen war. Was mir auch äußerst gut gefiel war, dass das Trio sich durchaus zum Jammen hinreißen ließ. Immer mal wieder wurden kurze, offenbar spontane Instrumentalparts zwischen den Liedern eingespielt. Einmal spielten gar lediglich Bassist Chris Wolstenholme und Drummer Dom Howard einen groovigen Zweiminüter, bei dem wieder einmal der Drummer seine Improvisationskünste unter Beweis stellen durfte.
Nachdem sich die - wie immer - sehr wortkarge Band nach Abschluss des normalen Sets verabschiedet hatte, kam es natürlich zu einer aus zehntausenden Kehlen geforderten Zugabe. Dort wurden dann nochmal - was mich sehr gefreut hat - das großartige "Stockholm Syndrom" und vor allem der völlig überdrehte Meilenstein "Knights of Cydonia" vorgetragen. Beide waren ein würdiger Abschluss eines Konzerts, das mich zwiespältig zurückgelassen hat. Generell hätte ich es mir wesentlich schlimmer vorgestellt, angesichts der Tatsache dass Muse mittlerweile einfach in der Wohnzimmerkultur angekommen sind. Ich hatte mir schon Horrorvisionen ausgemalt, dass dutzende Hausfrauen und Teenager, die zu der Musik keinerlei Bezug haben, mir mein seit Jahren kultiviertes Muse-Bild völlig zerstören würden. Dazu ist es nicht gekommen, das Publikum war weitaus weniger schlimm, als ich befürchtet hatte. Außerdem haben sich Muse gut verkauft - sie haben sich nicht zu dämlichen Stadion-Gesten hinreißen lassen, haben keine dümmlichen "Seid ihr gut drauf?"-Ansagen gemacht, sondern waren einfach sie selbst. Und die Setlist war auch weitaus besser, als ich zunächst dachte.
Aber dennoch werde ich mich wohl damit abfinden müssen, dass die Band, die mir früher so viel vermitteln konnte, nicht mehr da ist. Dass an ihre Stelle eine zwar immer noch tolle, aber auch immer kantenlosere Rockband getreten ist, die bei der Masse ankommt. Die Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein. Dass ich mir Muse also auf der nächsten Tour - dann vermutlich im Olympiastadion vor 60 000 Leuten bei Ticketpreisen um die 70 Euro - nochmal ansehe, ist noch unwahrscheinlicher als diesesmal. Schade eigentlich, aber ich habe ja noch die ersten drei Alben: "Showbiz", "Origin of Symmetry" und "Absolution". Und diesen drei Meisterwerken kann der Mainstream nichts anhaben.
Setlist:
Uprising
Resistance
New Born
Map of the Problematique
Supermassive Black Hole
MK Ultra
Hysteria
United States of Eurasia
Feeling Good
Undisclosed Desires
Starlight
Plug In Baby
Time Is Running Out
Unnatural Selection
Zugabe:
Exogenesis Part II
Stockholm Syndrome
Knights of Cydonia
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