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Melancholie On Earth

geschrieben am 21.07.2014 von Bananatree (Bewertung: 7/10)
zur Veröffentlichung Fun On Earth von Taylor, Roger
bisher 1436 Mal angesehen


Fünf Jahre. Wenn man sich so lange Zeit für ein Album lässt, 2009 sogar eine erste Single veröffentlicht und dann im Wochenrythmus erklärt, dass das neue Werk "bald kommen würde", ja, da darf und sollte man seine Erwartungen schon ein bisschen hochschrauben dürfen. Roger Taylor, Drummer der königlichen Band "Queen", seit jeher damit beschäftigt, Live-Auftritte mit mal mehr und mal weniger gescheiten Kollegen auf die Bühne zu bringen, um den jungen Queen-Fans auch mal so etwas "wie früher" zu bieten, setzt nun also im Herbst seines Lebens dazu an, ein neues Album auf die Beine zu stellen. Der Titel "Fun On Earth" suggeriert einen geschlossenen Kreis, der 1981 mit dem Erstling "Fun In Space" seinen Anfang nahm. Was damals wilder Pop-Rock aus der Feder des (und das kann man wohl sagen) talentiertesten Solo-Künstlers Queens war, ist über die Jahre hinweg einer Nachdenklichkeit gewichen, die Taylor sehr gut zu Gesicht stand. "Nazis 1994", "Surrender", "Foreign Sand", "Happiness", "Strange Frontier" - Songs, einerseits mit Ohrwurm-Charakter, auf der anderen Seite mit äußerst kritischen Texten, das wurde zum Markenzeichen Taylors. In den fünfzehn Jahren seit seines letzten Albums ("Electric Fire") hat sich der sympathische Schlagzeuger mit der rauen Stimme wieder verändert - Taylor ist alt geworden, Melancholie herrscht vor, "Fun On Earth" ist kein großer Spaß geworden, das "Earth" als Synonym für Bodenständigkeit kann man aber unterschreiben.

"One Night Stand!", mit diesen Worten präsentiert sich das Album in seinen ersten Minuten. Bereits 1998 in einer elektronischeren Version als Download erschienen, kramt Taylor den Song aus der Schatzkiste und motzt ihn gehörig auf. Hämmernde Drums, knarzende Gitarren, zwischendurch singt Taylor in einem stadiontauglichem Echo die Lyrics wie ein Messias. Dass er sich hier textmäßig keine goldene Nase verdient, sei dabei verziehen. Und schließlich weiß der Mann, wovon er hier redet.

Das wahre Gesicht des Albums zeigt sich im nächsten Track, "Fight Club". Bereits nach wenigen Sekunden ertönt etwas, mit dem man sich im Laufe der Zeit anfreunden muss: ein Saxophon. Aus dem Blickwinkel des Songwriters schon eher Taylor, wie man ihn seit den späten 1980ern kennt, tröpfelt der "Fight Club" seine drei Minuten aber eher vor sich hin.

Ruhig geht es auch weiter; "Be With You", die einzige Zusammenarbeit mit Taylors Sohn Rufus, ist schon eher das, was man sich vom Drummer erwartet. Eine schöne Ballade mit Gänsehaut-Effekt und einem wundervollen Gitarren-Solo. Wer Taylors Balladen von "Electric Fire" mochte, wird hier auf seine Kosten kommen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Wurzeln von "Be With You" auch aus dieser Zeit stammen sollten.

Der Freund von schnellen Rocksongs muss weiter geduldig bleiben. "Quality Street" klingt wie Bruce Springsteen aus den 80ern, das Saxophon darf sich auch hier wieder in einem Solo austoben. Etwas schwächer als sein Vorgänger, trotzdem ein vergleichsweise schönes Lied mit einer starken letzten Minute.

Nach zehn Minuten ruhiger Selbstreflexion schüttelt Taylor mit "I Don't Care" mal ein schwungvolles Ass aus dem Ärmel. Die fast schon jazzige Rock-Nummer macht Laune, so recht zusammenpassen will das Gemisch aus militärisch anmutendem Refrain, Saxophon-Einlagen und Schnips-Part aber nicht. Im Kontext des Albums eine Erfrischung, einzeln gesehen nichts, was man sich zweimal nacheinander anhört.

Endlich folgt mit "Sunny Day" ein Song, der sich seine zehn Punkte redlich verdient hat. Bereits Jahre zuvor in einer deutlichen fröhlicheren Fassung unter dem Titel "Woman You're So Beautiful" erschienen (gesungen von Taylors anderem Sohn Felix), macht Taylor in der Überarbeitung daraus ein melanchonisches Meisterstück, das gleichzeitig fröhlich und traurig stimmt und in Ansätzen an die Klänge des 1991er Queen-Albums "Innuendo" erinnert. Großartig, mit augenzwickerndem Refrain und bewegender Instrumentalisierung.

Leider bleibt es erstmal bei diesem Höhepunkt. "Be My Gal" ist ein einfach gehaltener Song von knapp drei Minuten, zwar mit passender Gitarre, aber ziemlich angestaubter Thematik. Tut bei einem Durchlauf des Albums nicht weh, bleibt aber auch nicht hängen. Wie ein altes Auto, dass gemächlich an einem vorbeifährt.

Spätestens jetzt dachte sich Taylor wohl, dass die erste Hälfte seines Albums recht ruhig geworden ist, und kratzt alles zusammen, was er in vierzig Jahren Berufserfahrungen im Rock-Geschäft angesammelt hat. "I Am The Drummer (In A Rock N Roll Band)" ist ein wilder Rocker, ein Schmunzler im Angesicht alter Queen-Tage, hier und da hört man den Songwriter von früher. Das hilft nur nichts, denn einzeln gesehen ist der "Drummer"-Song etwas plakativ geraten, wie ein Beispiel aus einem "How-To"-Musikbuch. Wenn "Be My Gal" das alte Auto war, ist "I Am The Drummer" die alte Harley, die nochmal über den Feldweg rattert.

Glücklicherweise kehrt Taylor mit "Small" zu alten Stärken zurück. Schon beim 2008er-Album "The Cosmos Rocks" mit Paul Rodgers am Mikro zu hören, gestaltet Taylor den Song etwas ruhiger, stimmiger, einfach besser. Spielt in den Bereichen Text & Musik in der selben Liga wie "Sunny Day". Kurz gesagt: Wunderschön.

Weiter geht es mit den umgemodelten Songs aus "The Cosmos Rocks"-Tagen. "Say It's Not True" war schon damals das Highlight des umstrittenen Albums und gewinnt unter Taylors Führung nur noch mehr an Dramatik und Gänsehaut-Feeling. Der inoffizielle AIDS-Song, hier mit dem virtuosen Jeff Beck an der Gitarre, überzeugt auf seiner ganzen Länge von fünf Minuten und schafft es, ohne jedes Klischee auch ein Tränchen rauszuholen. Großartig.

Kommen wir zu "The Unblinking Eye", jenem Song, der schon vor fünf Jahren als Single erschien. Ein Musterbeispiel für Queen'sche Komplexität, gepaart mit Taylors ungeschönter Kritik am Staat. Damals ein funkelnder Stern in der sich sonst so oft wiederholenden Queen-Maschinerie; warum Taylor den Song für "Fun On Earth" aber gekürzt und streckenweise neu eingesungen hat (mit einer deutlich softeren und nicht mehr so anprangernden Stimme) bleibt ein kleines Rätsel. Immer noch ein gutes Werk, aber trotzdem schade um das Original.

Wem das schnelle Liedgut auf "Fun On Earth" bislang zu gewollt war, kommt mit dem letzten Kracher des Albums, "Up", voll auf seine Kosten. Hier holt Taylor alles raus wie in besten "Electric Fire"-Tagen, mit großartigen Lyrics, treibenden Drums und einem aufmunterndem Unterton. Schade, dass das Ganze nur drei Minuten geht.

Es wäre nur inkonsequent, wenn das Album nicht ruhig enden würde, und so ist "Smile" wieder eine Ballade geworden - und eine bessere kann man sich nicht wünschen. Taylor schüttelt jede depressive Ader aus dem Hörer raus, macht ihn auf die schönen Dinge aufmerksam, fordert ihn auf, zu lächeln. Nach einem stellenweise sehr melancholischen, nachdenklichen "Fun On Earth" klingt "Smile" fast wie eine Fußnote, eine Aufforderung, nicht immer alles schlecht zu sehen.

Es ist im Nachhinein schwierig, "Fun On Earth" ordentlich zu bewerten, da es ein Album ist, dass sich fast schon aufdrängelt, noch ein bisschen zu reifen. Dass junge Fans das ganze langweilig und klebrig finden war abzusehen, dass ein Taylor aber auch nicht rückwärts lebt und jünger wird auch. Sein vielleicht letztes Album lässt sich mit keines seiner vorherigen Werke vergleichen und wirkt wie der gedankenschwere Abschied einer musikalischen Karriere. Neben wahren Krachern ("One Night Stand", The Unblinking Eye", "Up") und wunderschönen Balladen ("Small", Say It's Not True", "Smile", ganz vorne "Sunny Day") humpelt das Album zwar ein bisschen mit punktloser Langeweile ("Be My Gal", "Fight Club") und plakativem Schwung ("I Am The Drummer", "I Don't Care"), bleibt aber im Gesamtbild rund. "Fun On Earth" ist Melancholie pur geworden - ein musikalisches Machwerk, bei dem man sich am liebsten im Spätherbst auf den Balkon setzen und eine Kerze anzünden möchte, gefolgt von einer Zigarette nach einer knappen halben Stunde.

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