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(Miss Li - Dancing the Whole Way Home)
Wenn man an Schweden denkt, so denkt man in den meisten Fällen an rote Landhäuser mit weißen Balken, an Schnee, Elche, blonde Menschen und vielleicht... mehr
Ein Rückkehrer und der Beginn einer neuen Ära

geschrieben am 16.01.2009 von shark (Bewertung: 9/10)
zur Veröffentlichung The Process of Belief von Bad Religion
bisher 1284 Mal angesehen


Es mag nach abgedroschener Philosophie klingen, aber es stimmt halt auch: es gibt manchmal zwei Dinge oder Personen, die einander brauchen, um ihre volle Wirkung entfalten zu können. Ein gutes Beispiel wären etwa Ernie und Bert - könnte man sich eine Soloshow von Bert vorstellen? Ich nicht. Oder Harald Schmidt und Manuel Andrack. Seit dem Ausstieg des Sidekicks vegetiert Dirty Harry an der Seite eines unlustigen Oliver Pocher ja auch nur noch dahin. Ein weiteres gewichtiges Beispiel für die oben genannte These sind Bad Religion und Brett Gurewitz. "Mr. Brett", seines Zeichens Gründer und Eigentümer von Epitaph Records hatte die Band, die er mitbegründet hatte, 1994 nicht ganz freundschaftlich verlassen. Zuvor hatte er neben seiner Gitarrenarbeit jahrelang mit Greg Graffin ein Songwriterduo gebildet, das für höchste Punkrock-Qualität stand. Aus Gurewitz' Feder stammten unter anderem Songs wie "21st Century Digital Boy" oder "Infected".

Nach dem Weggang von Brett musste Graffin auf den drei Alben "The Gray Race" (1996), "No Substance" (1998) und "The New America" (2000) die Songwriting-Last alleine schultern - mit immer weniger Wirkung und Erfolg. Zwar hatten alle drei Alben ihre Momente, doch niemand wird abstreiten, dass Bad Religion mit der Zeit immer saftloser und unmotivierter klangen, und zudem immer öfter in Midtempo-Nummern versackten, wo sie doch früher Garant für melodischen Hochgeschwindigkeits-Punkrock der feinsten Sorte waren.

Gott sei Dank raufte sich "Mr. Brett" 2001 wieder mit dem Rest der Truppe zusammen. Seine Rückkehr hat den alternden Punks aus Los Angeles offensichtlich neues Leben eingehaucht, denn bissiger als auf dem Comeback-Album "The Process of Belief" klangen Bad Religion nie. Neben Gurewitz muss hierbei jedoch auch dem zweiten neuen Personal, Drummer Brooks Wackerman, ein Lob gezollt werden. Der Nachfolger von Bobby Schayer bearbeitet sein Schlagwerk, dass es eine wahre Freude ist. Virtuos und vor allem gnadenlos schnell feuert der Ex-Suicidal Tendencies-Schlagzeuger seine Beats ab, und treibt seine neuen Mitmusiker zu Höchstleistungen an. Neben der wiederentdeckten Energie gibt es auf "The Process of Belief" zudem alles andere zu hören, was Bad Religion in der ersten Ära Gurewitz so großartig gemacht hat: tolle Melodien, die unvergleichlichen Backgroundchöre packende Arrangements und höchst anspruchsvolle Texte.

Schon beim Opener Supersonic, der seinem Titel alle Ehre macht (deutsche Übersetzung in etwa: schneller als der Schall) passt alles: die drei (!) Gitarristen spucken tolle Riffs aus, das Schlagzeug sprüht Funken, Graffin singt leidenschaftlich, und zudem ist in unter zwei Minuten schon wieder alles vorbei. Wer aber glaubt, das Gaspedal sei hiermit schon voll durchgetreten, irrt gewaltig. Mit "Prove It" und "Can't Stop It" wird der Regler noch ein wenig höher gedreht, ohne dabei eine Spur Perfektion zu verlieren. Erst der vierte Song Broken lässt mit seinen akustisch geklampften Strophen und dem leicht gedrosselten Tempo etwas Zeit zum durchatmen. Ganz großes Kino ist von der Melodie her aber auch dieses Lied.

Und wo einen "The Process of Belief" einmal gepackt hat, lässt es nicht mehr los. Nach zwei weiteren Dampfhammern namens "Destined for Nothing" und "The Materialist" kommt an siebter Stelle mit Kyoto Now eines der Highlights des Albums. Die Hymne für die gleichnamige Studentenbewegung, deren Ziel der Beitritt der USA zum Kyoto-Protokoll ist, darf auf keinem gut sortierten Punksampler fehlen. Das gleiche trifft sicherlich auf die Single Sorrow zu, die gleich im Anschluss folgt. Mit Sicherheit ist das melancholische Lied eines der zehn besten, die Bad Religion in ihrer mittlerweile über 25jährigen Karriere geschrieben haben. Und das will etwas heißen.

Mit "The Defense" und "Epiphany" kommen im weiteren Verlauf noch zwei etwas experimentellere Lieder, die für Abwechslung zwischen den Mitgröhl-Hymnen und den Pogo-Brechern sorgen. Zudem tummelt sich mit "Evangeline" ein weiterer poppiger Ohrwurm-Hit erster Güte geschickt versteckt am Ende des Albums. Dass mit "You Don't Belong" ein etwas belangloser Song an vorletzter Stelle auftaucht, ändert kein bisschen an dem hervorragenden Eindruck, den "The Process of Belief" hinterlässt. Etwas besseres als dieses dreizehnte Studioalbum hätte Bad Religion gar nicht passieren können - der Weg in die Bedeutungslosigkeit wurde so auf beeindruckende Art und Weise abgewendet. Die wieder belebte Band schob dann mit "The Empire Strikes First" (2004) und "New Maps of Hell" (2007) noch zwei weitere tolle Alben nach. An "The Process of Belief" kommen diese aber jedoch hin. Auch wenn es bei einer langlebigen und zudem noch grandiosen Band wie Bad Religion schwer ist, sich festzulegen, wage ich es hiermit: "The Process of Belief" ist das beste Album, das sie je veröffentlicht haben.

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