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Perlen des Punkrock
15 Jahre danach: Eine Band findet den Weg wieder

geschrieben am 17.05.2009 von shark (Bewertung: 9/10)
zur Veröffentlichung Journal For Plague Lovers von Manic Street Preachers
bisher 1107 Mal angesehen


Na gut, bringen wir es also gleich hinter uns: Richey James Edwards. So, damit wäre der Name also gefallen, ohne den sowieso keine Rezension einer Manic Street Preachers-Platte auskommt. Erst Recht nicht eine zu "Journal for Plague Lovers". Denn das neunte Studioalbum der Waliser ist nichts weniger als der auf Tonträger gepresste Nachruf auf den seit 1995 vermissten und wahrscheinlich toten Gitarristen. Sämtliche Songtexte auf dem neuen Longplayer basieren auf Aufzeichnungen, die Edwards vor seinem Verschwinden angefertigt und seinen drei Bandkollegen unter mysteriösen Umständen übergeben hatte. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Album nach Bekanntwerden dieser Neuigkeit in Fankreisen als Nachfolger zum Meilenstein The Holy Bible von 1994 gehandelt wurde, das ja auch zum großen Teil auf Edwards' Mist gewachsen war. Und tatsächlich haben die Manics bewusst noch weitere Parallelen zu jenem Klassiker gezogen. Genau wie damals hat die britische Skandalkünstlerin Jenny Saville das Covergemälde beigesteuert, diesmal ein Kind mit offenbar blutigem Gesicht. Und genau wie auf "The Holy Bible" ist die Musik weitaus ruppiger und unzugänglicher als auf sonstigen Alben der Manics.

War bereits der Vorgänger Send Away the Tigers endlich wieder vom Gitarrenrock geprägt, der die Waliser in den 90ern ins Bewusstsein einer ganzen Generation spülte, so geht "Journal for Plague Lovers" noch einen Schritt weiter. Im Gegensatz zum bombastischen Britrock des Vorgängers gibt es hier düsteren, spärlichen Alternative mit ungewöhnlichen Songstrukturen und richtig frickeligen Riffs. Noch dazu die äußert traurigen, philosphischen und teils selbstverachtenden Texte aus Richeys Feder - das alles fügt sich zu einem melancholischen Kunstwerk zusammen. "Bruises on my hands from digging my nails out" heißt es etwa im mächtigen Opener "Peeled Apples". Viele haben ja schon die verzweifelten Texte auf "The Holy Bible" als Spiegelbild des Edwardschen Seelenzustands vor dessen vermutlichem Selbstmord interpretiert. Die Songs auf "Journal for Plague Lovers" werden ihnen neuen Auftrieb geben. Zudem gibt es natürlich auch wieder Richey-typische, kryptische, auf einen gewaltigen intellektuellen Horizont hindeutende Zeilen wie "Riderless horses in Chomsky's Camelot" oder "Oh the joy, me and Stephen Hawking we laugh / We missed the sex revolution". So schreibt keiner, der ganz gesund ist. So schreibt ein Poet.

Die 13 Lieder sind allesamt kurz und knackig gehalten, keines kommt über die Vierminutenmarke, und zudem flutscht alles wie aus einem Guss durch. Schon lange nicht mehr gab es ein so stimmig konzipiertes Musikalbum, bei dem sich laute mit ruhigen Momenten so passend abwechseln. Trotzdem ist "Journal for Plague Lovers" kein "The Holy Bible 2". Das ginge auch gar nicht. Denn wir haben es hier mit einer 15 Jahre älteren Band zu tun, mit ganz anderen Menschen als damals. Solch ein toller apokalyptischer Rock wie auf "The Holy Bible" konnte nur unter ganz bestimmten Zeitumständen entstehen, und die sind nicht mehr gegeben. Das neue Album fängt lediglich einen Teil dieser Stimmung wieder ein, setzt aber auf andere Mittel. So gibt es weitaus mehr melancholische Akustikballaden, etwa das tolle "This Joke Sport Severed". Auch die harten Tracks sind anders als die auf "The Holy Bible", denn natürlich haben sich alle Bandmitglieder auch technisch weiterentwickelt.

Man sollte aber ohnehin "Journal for Plague Lovers" nicht nur mit jenem Meilenstein vergleichen, denn diesen Vergleich könnte kein Album gewinnen. Fakt ist, dass die Manics nach 15 Jahren endlich wieder einen Tonträger auf die Beine gestellt haben, der ihre Stärken voll zur Geltung bringt. Und sie haben ganz große Songs im Gepäck. Etwa bereits oben erwähntes "Peeled Apples", oder "Jackie Collins Existential Question Time", vielleicht einer der besten Songs im Bandkatalog. Die ironische Textzeile "Oh mummy, what's a sex pistol?" ist nichts weniger als genial. Auch das krachende "Me and Stephen Hawking" oder das elektronisch rockende "Marlon J.D." sind Hits der obersten Kategorie. Mit "Virginia State Epileptic Colony" tummelt sich auch noch ein Weezer-mäßiger Ohrwurm erster Güte, und mit dem von Nicky Wire charmant-schief gesungenen "William's Last Words" der schönste Nachruf auf Edwards in dessen eigenen Worten. Wer da keinen Kloß im Hals hat, sollte nochmal genau hinhören.
"Journal for Plague Lovers" ist ein grandioses Album geworden. Schon allein wegen seines Nachruf-Charakters auf den ehemaligen Mitstreiter gebührt ihm ein Sonderstatus im Bandkatalog. Es knüpft aber auch musikalisch endlich wieder an die besten Manics-Zeiten an. Ich hätte es selbst nicht für möglich gehalten, aber nach all den Irrungen und Wirrungen hat diese tolle Band endlich wieder zu sich selbst gefunden, und ein Meisterwerk geschaffen.

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