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(Adams, Bryan - Reckless)
Reckless (engl. für: „Rücksichtslos“) ist das vierte Studioalbum des kanadischen Rocksängers Bryan Adams, das im Oktober 1984 erschien. Es gehört bis heute zu seinen erfolgreichsten... mehr
Der Anfang vom Ende

geschrieben am 22.10.2009 von shark (Bewertung: 4/10)
zur Veröffentlichung Sandinista! von Clash, The
bisher 2023 Mal angesehen


Man muss kein ausgewiesener Experte für The Clash sein, um festzustellen, dass in der Bandgeschichte der britischen Punkhelden irgendwann etwas schiefgelaufen sein muss. Es genügt, wenn man sich den Meilenstein London Calling aus dem Jahr 1979 anhört - eines der besten Alben der Musikgeschichte - und diesen Klassiker mit dem sechs Jahre später erschienenen letzten Studioalbum vergleicht, dem erbärmlichen Cut the Crap. Wie kann es sein, dass eine Band, die einen Geniestreich wie "London Calling" in sich trug, dermaßen abstürzen konnte? Eins ist jedenfalls klar: Irgendwo sind The Clash aus den Gleisen geraten, haben den Weg verloren. Und ein wenig auditive Nachforschung verrät auch schnell, wo dies passiert ist: Auf dem Nachfolger zu "London Calling", dem Ende 1980 erschienenen "Sandinista!".

Schon die Titelliste verrät, dass The Clash für die Aufnahmen zu "Sandinista!" so etwas wie Beschränkungen und Grenzen nicht mehr kannten. 36 Lieder mit über 144 Minuten Spielzeit finden sich auf dem Album - die Originalversion auf Vinyl bestand aus 3 LPs, und sogar die CD-Version füllt beide Tonträger noch randvoll aus. Das muss zunächst einmal nichts schlechtes sein, war doch bereits "London Calling" ein 70 Minuten langes Doppelalbum, das weit über den Punk hinausreichte, und sämtliche Stile von Rock über R&B und Funk bis hin zu Ska und Reggae in sich vereinte, und das auch noch auf herausragende Art und Weise. Diesen Weg verfolgten The Clash auf dem Nachfolger offenbar weiter, doch scheinen sie bei all der Experimentierlust ganz klar das musikalische Ziel aus den Augen verloren zu haben. "Sandinista!" präsentiert sich nämlich als ein über weite Strecken erschreckend lebloses und unfokussiertes Konglomerat von Liedern, von denen viele überhaupt nicht zuende gedacht und unausgereift wirken. Dazu kommt noch die Produktion, die diesmal von Reggaemusiker Mikey Dread gehandhabt wurde und entsprechend verhallt und bekifft klingt.

Es ist schon irgendwie erschreckend zu sehen, wie Joe Strummer und Konsorten innerhalb eines Jahres den Biss und die Zielstrebigkeit verloren haben, die "London Calling" zu einem Meisterwerk machten. Es scheint, als hätten sie in dem Gefühl des Triumphes beschlossen, jede spontane Idee aufzunehmen in dem Glauben, dass es schon irgendwie gut klingen würde. Das geht leider auf den allermeisten der 36 Songs nach hinten los. Generell ist es der Band natürlich nicht vorzuwerfen, dass sie sich immer mehr der Musik Jamaikas öffneten - schließlich waren The Clash mit die erste Punkband, die Reggae in ihren Sound aufnahm, und so mit "(White Man) In Hammersmith Palais", "The Guns of Brixton" und "Revolution Rock" zeitlose Klassiker schuf. Auf "Sandinista!" aber wirken Dub-Experimente wie "The Crooked Beat", "One More Dub" und "If Music Could Talk" einfach nur verplant, langweilig und belanglos. Auch die anderen Stilausbrüche, die die Band hier versucht, werfen meist nur die eine Frage auf: "Was haben die sich dabei gedacht?"

"Look Here" ist eine Art a-capella-Rocksong im Jazzgewand, dessen Gesangsintonation aber schnell auf die Nerven geht. Auch die Single "Hitsville UK" verwirrt mehr, als dass sie gefällt - ein Poprockstück, das fast ausschließlich von Frauen-Chorgesang getragen wird. Irgendwie nett, aber wohin soll das führen? Am übelsten ist aber wohl das Selbstcover am Ende der Tracklist. "Career Opportunities", das in einer herrlich rotzigen Punkversion auf dem legendären Debütalbum erschien, wird hier in einer Kinderchor-Popversion verarbeitet. Du liebe Zeit! Selbst wenn eine ironische Absicht dahinterstecken sollte (was zu hoffen ist), ist das nichts weiter als eine Sabotage des eigenen Erbes. Eine ziemlich traurige zudem.
Zwischen all den gescheiterten Experimenten und dem ziellosen Reggae-/Dubgepiepe finden sich zwar schon einige gelungene Songs. Erstens wäre es aber auch unglaublich gewesen, wenn bei 36 Songs nicht wenigstens ein paar gute dabeigewesen wären, und zweitens sind selbst nette Stücke wie der Pseudo-Raprock von "The Magnificent Seven" oder das beste Reggaestück der Platte "Junco Partner" nicht annähernd so gut wie die bandeigenen Klassiker. Immerhin gefallen andere Songs wie "Police On My Back" oder "Washington Bullets" durch endlich auftauchende Rockenergie beziehungsweise ihren politischen Text.

Generell ist "Sandinista!" bestimmt das politischste Album der Bandgeschichte von The Clash geworden. Kein Wunder, denn der Albumtitel bezieht sich auf eine Guerilla-Rebellentruppe in Nicaragua. Aber was bringen gelungene politische Statements, wenn sie in unausgegorenen und schlicht und einfach schlechten Songs versteckt sind? Es ist wirklich schade, dass The Clash dermaßen den Faden verloren hatten, aber "Sandinista!" ist trotz all seiner Schwächen immerhin nur das zweitschlechteste Album der Bandgeschichte. Es gab ja noch "Cut the Crap", das 1985 erschien, als die Band schon auseinandergefallen war und noch Joe Strummer verzweifelt versuchte, das Schiff auf Kurs zu halten. Klar können auch schlechte Alben dem Mythos der ersten drei guten bis grandiosen The Clash-Alben nichts anhaben. Aber es muss eben auch mal ganz klar gesagt werden, dass die Band nach "London Calling" einfach bis auf wenige Ausnahmen nichts großartiges mehr produziert hat. Klingt traurig, ist es auch.

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