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(Led Zeppelin - Presence)
Eines lässt sich über das siebte Led Zeppelin-Album ganz unvoreingenommen behaupten: Es ist sicher nicht das Opus Magnum dieser Band, aber gewiss auch kein schlechtes... mehr

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Queen - Die Alben
Auf die Spitze getrieben

geschrieben am 25.12.2009 von shark (Bewertung: 10/10)
zur Veröffentlichung Wir kommen um uns zu beschweren von Tocotronic
bisher 3798 Mal angesehen


Um die Bedeutung der ersten Tocotronic-Alben für die deutsche Musikszene würdigen zu können, muss man sich deren Beschaffenheit Mitte der Neunziger Jahre vor Augen führen. Auf der einen Seite dominiert vom pathetischen Stadionrock der Herren Westernhagen und Grönemeyer, auf der anderen Seite von den zwar wilderen und witzigeren Ärzten und Toten Hosen, die jedoch auch keine Anlaufstelle für Kids bilden konnten, die sich von der Mainstreamkultur abgrenzen wollten. Deshalb fand das Hamburger Trio Tocotronic bei seinem Erscheinen auf der Bildfläche im Jahre 1995 auch so schnell solch große Resonanz vor. Sie hatten amateurhaft aufgenommene, aber wuchtige Songs im Gepäck und dazu noch sloganartige Songtexte, die kurz darauf die Wände sämtlicher Jugendzentren Deutschlands zieren sollten. Sie nannten ihre Lieder "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk" oder "Michael Ende, du hast mein Leben zerstört", nahmen ihr Debütalbum Digital ist besser in nur neun Tagen auf und schoben diesem nur vier Monate später ein zweites hinterher. Tocotronic waren anders. Sie waren die höflichen, schüchternen, aber zugleich wütenden Verkünder einer Gegenkultur für Jugendliche.

Auf ihrem dritten Album "Wir kommen um uns zu beschweren" loteten Dirk von Lowtzow, Arne Zank und Jan Müller dann die Grenzen des Konzepts ihrer Frühphase aus. Hatten sie schon auf ihren ersten Tonträgern gleichermaßen kurze, punkige Songs und ausschweifende platziert, so sind die kurzen nun noch kürzer und wütender und die ausschweifenden nun noch epischer. Während "Der Cousin" in ganz genau einer Minute durchgeprügelt wird, schaufelt das traurige "Ich möchte irgendetwas für dich sein" fast acht Minuten lang Gitarrensoli aufeinander. Das sind die beiden Pole, zwischen denen sich Tocotronic auf diesem grandiosen Album bewegen. Zwar ist "Wir kommen um uns zu beschweren" immer noch alles andere als professionell aufgenommen, doch im Vergleich zu den ersten beiden Alben sind die Instrumente etwas wuchtiger abgemischt, was dem Sound mehr Kraft verleiht. Hinzu kommen noch Ohrwurm-Melodien und der eindringliche Gesang von Lowtzows, und fertig ist das vielleicht beste deutschsprachige Album der Neunziger Jahre.

Auch bei den Songtexten ging das Trio an seine Grenzen. Es wird zwar "weniger gehasst", wie von Lowtzow im ersten Lied "Jetzt geht wieder alles von vorne los" verkündet, jedoch ist dies das Tocotronic-Album, auf dem die klarsten Aussagen getroffen werden. Das verdeutlichen schon die Songtitel: "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen", "Ich verabscheue Euch wegen Eurer Kleinkunst zutiefst", "Ich werde mich nie verändern", "Ich mache meinen Frieden mit Euch" und so weiter. Alleine acht der 16 Songtitel beginnen mit dem Wort "Ich". Ein solch plakatives Konzept könnte leicht nach hinten losgehen, wären die dazugehörigen Songs qualitativ minderwertig. Das sind sie aber nicht. Das adjektiv "mitreißend" ist für solche Granaten wie die knapp eineinhalbminütige Single "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen", das träumerische "So jung kommen wir nicht mehr zusammen" oder die Hymne "Ich werde mich nie verändern" noch untertrieben. Es gibt kein einziges Lied auf diesem Album, das gegenüber den anderen abfällt, auch wenn das von Arne Zank gesungene "Bitte gebt mir meinen Verstand zurück" durch die seltsame Vortragsweise des Schlagzeugers auf den ersten Blick befremdlich wirkt. Nein, vielmehr haben Tocotronic mit "Wir kommen um uns zu beschweren" ihr Opus Magnum geschaffen - sie haben ihr Konzept auf die Spitze getrieben und das beste daraus gemacht. Auf dem 1997 erschienenen Album Es ist egal, aber deuteten die Hamburger einen Stilwechsel an, der sich auf K.O.O.K. (1999) endgültig durchsetzen sollte: weg von den plakativen Songtexten und den vergleichsweise simplen, aber harten Klängen. Fortan wurde mit elektronischen Elementen experimentiert, und die Songtexte wurden immer verkopfter. Zwar blieben Tocotronic stets eine spannende und großartige Band, jedoch kamen sie auf keinem Album auch nur annähernd an die Intensität heran, die "Wir kommen um uns zu beschweren" ausstrahlt - ihr Meisterstück.

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