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(Rammstein - Mutter)
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Eine Band in den Wechseljahren

geschrieben am 31.12.2009 von shark (Bewertung: 8/10)
zur Veröffentlichung Es ist egal, aber von Tocotronic
bisher 1992 Mal angesehen


Es gibt wohl nicht viele Bands, bei denen sich im Laufe der Karriere soundtechnisch so viel verändert hat wie bei Tocotronic. Ganz klar lässt sich bei den Hamburgern die räudige, wilde und wütende Frühphase von den neueren Werken abgrenzen, die experimenteller, ruhiger und weitaus weniger direkt, eher philosophisch daherkommen. Aus diesem Grund kann man auch durchaus zu Recht behaupten, dass das vierte Studioalbum, das im Juli 1997 erschienene "Es ist egal, aber" das interessanteste in der Tocotronic-Diskografie ist. Denn es steht genau zwischen den beiden Phasen. Unverkennbar sind die Lieder noch im simplen, punkigen Indierock der Anfangstage verwurzelt, zugleich versuchen Tocotronic aber bereits stark, zu neuen Ufern vorzustoßen.

Verwunderlich ist das nicht. Denn auf dem direkten Vorgänger, dem grandiosen Wir kommen um uns zu beschweren hatte das Trio sein Konzept von kurzen Punkrocksongs und traurigem, ausschweifendem Midtempo-Geschrammel an seine Grenzen geführt. Auch die Songtexte waren so direkt und plakativ wie nie zuvor. Zwar kam dabei ein Meisterwerk heraus, doch es war auch klar, dass es in dieser Richtung nicht mehr weitergehen konnte. Also ließen sich Tocotronic für "Es ist egal, aber" erstmals ein wenig Zeit (zur Erinnerung: die ersten drei Alben erschienen innerhalb von 14 Monaten!). Die neuen Songs lösen sich auf Textebene ein Stück weit von den zornigen Anklagen und der "Ich"-Fixiertheit der Titel, und lassen auch musikalisch einige Neuerungen einfließen. Zwar gibt es noch keine elektronischen Klänge zu hören - die sollten sich erst auf dem nächsten Album K.O.O.K. einschleichen - aber erstmals tauchen Streicher auf, und die Single "Sie wollen uns erzählen" wagt sich mit Mundharmonika-Begleitung gar in folkiges Terrain vor.

Auch wenn die wütenden Punkrock-Kracher noch nicht verschwunden sind, verbleiben die meisten der Lieder zudem im Midtempo und schlagen eher nachdenkliche Töne an. So entwickelt sich "Es ist egal, aber" zur idealen Verbindungsbrücke zwischen alt und neu, zwischen Tocotronic I und II. Dabei hilft sicherlich die Tatsache, dass Dirk von Lowtzow, Arne Zank und Jan Müller noch einmal einige Highlights aus dem Hut gezaubert haben. Der extrem aggressive Opener etwa, in dem von Lowtzow gesellschaftskritisch ätzt: "Gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam / Wollen sie verhindern, dass wir vorwärts kommen?". Oder die erwähnte Single, die mit Ohrwurmmelodie und schönem Text zum Schunkeln einlädt. Auch "Auf den Hund gekommen", "Alles was ich will ist, nichts mit euch zu tun haben", "Mein neues Hobby" und "Du und deine Welt" böllern noch einmal richtig drauf los - so hart und schnell sollten Tocotronic danach nie wieder werden. Weiterhin sind auch die meisten der melancholischen Lieder gelungen, etwa das ironische "Ein Abend im Rotary Club", das zurückhaltende Titelstück, die zweite Single "Dieses Jahr" oder das abschließende "Nach Bahrenfeld im Bus". Alle sind zurecht Klassiker geworden. Zwar kommt das Album insgesamt nicht an den monumentalen Vorgänger hin, aber es ist ein weiteres sehr gutes, mitreissendes Werk geworden. Meines Erachtens das letzte großartige von Tocotronic. Mir persönlich konnten die neueren Alben nie so viel geben wie die alten, rockigen. "Es ist egal, aber" ist das letzte kräftige Aufflackern dieses "alten Geistes", bevor kurz darauf endgültig Phase II anbrechen sollte.

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