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Rezensionen

(Oasis - Be Here Now)
Auf irgend eine seltsame Art und Weise fasziniert es immer noch, dieses "Be Here Now". Das vermutlich am meisten gehypte Album der späten Neunziger, dessen... mehr
Im Zweifel für die alte Jugendliebe

geschrieben am 14.03.2010 von shark (Bewertung: 7/10)
zur Veröffentlichung Schall und Wahn von Tocotronic
bisher 2459 Mal angesehen


Es ist nicht leicht, einer Band die Treue zu halten, die man einst geliebt hat, die aber dann fast alles das wofür man sie liebte hinter sich ließ. Die Rede ist von der Gruppe Tocotronic, die sich am Ende des letzten Jahrtausends von einer aufregenden Alternative-Punk-Band mit wütenden Texten in eine gediegene Rollkragen-Indie-Band verwandelte, die klare Aussagen zugunsten von kryptischen, philosophischen Satzbausteinen vermied. Klar konnte auch Tocotronic, Teil 2 noch gute Songs aus dem Hut zaubern, und ein paar der Soundexperimente konnte man auch stets als bedenkenlos gelungen bezeichnen. Aber auf Albumlänge kam, zumindest aus subjektiver Sicht, nach Es ist egal, aber (1997) nichts grandioses mehr heraus. Zu verschroben, zu sehr Midtempo war das Ganze - zu sehr auf Reife bedacht.

2010 sind Tocotronic längst zu einer der erfolgreichsten Deutschen Rockbands mutiert, was natürlich zu keinem geringen Teil mit dem massentauglicheren Sound zusammenhängt, den die Band seit etwa 10 Jahren verfolgt (auch wenn von Anbiederung an den Mainstream dankenswerter Weise keine Rede sein kann). Und dann auch noch das: "Schall und Wahn", das neunte Studioalbum der Hamburger, ging als erster Longplayer der Bandgeschichte auf Platz 1 der Charts. Ein harter Schlag für einen Anhänger der Turnschuh-Fraktion wie mich. Aber um der alten Zeiten willen riskiert man dann doch ein Ohr - und wird äußerst positiv überrascht. Das, was da aus den Boxen schallt, ist mutiger und lebendiger als so ziemlich alles, was seit K.O.O.K. (1999) aus dem Toco-Lager hervorkam.

Klar ist das alles viel abgeklärter und besser strukturiert als noch anno 1996. Auch musikalisch hat sich natürlich viel getan. Wäre aber auch schlimm, wenn vier gestandene Musiker Ende 30 noch so einen wüsten Rumpelsound produzieren würden wie mit Mitte 20 - egal, wie toll jener Rumpelsound auch war. Aber es gibt hier richtig ausgeflippte Experimente wie "Bitte oszillieren Sie" oder endlich wieder zackige Dampfhammer wie "Stürmt das Schloss". Auch wenn der überwiegende Teil des Albums nach wie vor getragene Midtempo-Lieder, oftmals mit Streicherbegleitung, sind: sogar die wirken spritzig. Etwa der über 8minütige Opener "Eure Liebe tötet mich", der sich nach langem Instrumental-Intro als sich langsam anpirschender Ohrwurm entpuppt. Oder das schlicht großartige Titelstück, bei dem Dirk von Lowtzows Stimme zugleich zerbrechlich und selbstvewusst klingt. "Im Zweifel für den Zweifel" ist eine melancholische Akustikballade, die sofort überzeugt - nicht umsonst wurde das Stück als zweite Single ausgewählt.

Die erste Auskopplung war "Macht es nicht selbst", eine zunächst verwirrende Mitgröhl-Nummer, deren Melodie stark von "Oh When the Saints Go Marching In" abgekupfert ist. Aber nach ein paar Hördurchlaufen gewinnt das treibende Lied immer mehr an Format und macht - man glaubt es kaum - richtig Spaß. Vor allem, weil sich Tocotronic hier, wie auch auf dem nachfolgenden "Bitte oszillieren Sie" endlich mal nicht so ernst nehmen wie in den letzten Jahren. "Bitte oszillieren Sie zwischen den Polen / Bumms und Bi / Ich bitte Sie, genießen Sie", verkündet von Lowtzow fast schon dadaistisch. Genießen fällt hier aber mal gar nicht schwer.
Klar gibt es auf "Schall und Wahn" immer noch einige störende Augenblicke - zum Beispiel kitschige Klebrigkeiten wie "Das Blut an meinen Händen" oder "Gesang des Tyrannen". Oder seltsame Melodieführungen und musikalische Verstocktheit wie bei "Ein leiser Hauch von Terror". Tocotronic konnten sich nicht ganz von den Eingrenzungen freimachen, die sich selbst auf ihren letzten Alben gesetzt haben. Sie haben aber versucht, ein vielschichtiges Werk zu schaffen, das auch Jugendlichkeit und Unbekümmertheit zulässt. Und für diese Öffnung kann man ihnen gar nicht genug danken. "Schall und Wahn" ist das erste Tocotronic-Album seit langer, langer Zeit, das mich wieder in seinen Bann ziehen konnte.

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